Berliner Morgenpost
Fabergé in Berlin
Berlin Sommer 2005

Flyer: Expositie in Charlottenburg Palast

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Ein alter Osterbrauch
Viktor Wekselberg
Geschichte einer Dynastie
Exquisites Handwerk zwischen Kitsch und Kunst
"Ein Gefühl der Verehrung"
Russland nun wieder auf Platz Eins

Ein alter Osterbrauch

In Rußland schenkt man sich zum höchsten religiösen Fest geschmückte Eier. Mit Zar Alexander III. bekam die Tradition eine neue Dimension

Von Peter Dittmar

Mit Hühnereiern fing es an. Dann kamen aus Holz gedrechselte dazu. Schön bemalt, oft mit Lack verziert. Bald auch aus Porzellan, Glas, Metall. Denn Ostern ist das höchste religiöse Fest in Rußland. Seit dem 17. Jahrhundert ist es Brauch, sich am Tag der Auferstehung Christi geschmückte Eier zu schenken. Während sich die einfachen Leute mit ein, zwei Eiern als Gabe begnügten, mußte es am Zarenhof schon etwas Besonderes sein. 1885 gewann diese alte Sitte eine neue Dimension, als Zar Alexander III. der Zarin erstmals ein besonders kostbares Ei schenkte, das der St. Petersburger Hofgoldschmied Carl Fabergé in seiner Werkstatt fertigen ließ. Daraus wurde bis zum Sturz der Romanow-Dynastie ein jährlicher Brauch, nur unterbrochen während des russisch-japanischen Krieges 1904 und 1905. Wer auf die Idee kam, ist umstritten. Manche meinen, der geschäftstüchtige Fabergé. Andererseits ist bereits aus der Zeit Alexanders II. (regierte 1851 bis 1881) als Foto ein silbernes Ei mit Teilvergoldung überliefert. Innen mit einer Ikone bemalt, konnte es wie ein Überraschungs-Ei eine Gabe aufnehmen. Diesem Prinzip huldigte, wenngleich mit teuersten Materialien, auch Fabergé. Das erste Ei, heute in der Wekselberg-Kollektion, war das "Hühner-Ei" - mit weiß emaillierter Außenhaut sieht es einem normalen Ei ähnlich. Man kann es jedoch auseinandernehmen. Innen befindet sich ein goldener Dotter, der sich öffnen läßt und ein kleines goldenes Huhn mit Rubinen als Augen beherbergt. Ursprünglich trug es noch eine kleine Zarenkrone, die verlorenging.

Jahr auf Jahr wurden die kaiserlichen Eier immer raffinierter - und teurer. Das "Hühner-Ei" kostete 4115 Rubel. Für das "Maiglöckchen-Ei" von 1898, außen mit Perlen und Diamanten, den Lieblingsblumen und Lieblingsjuwelen der Zarin, verziert, waren 6700 Rubel fällig. Der Jahresverdienst eines Händlers betrug damals etwa 30 Rubel. Das teuerste war mit 24 600 Goldrubel das "Winter-Ei" (1913). Bei einer Versteigerung bei Sotheby's in New York 2002 brachte es als bislang höchsten Auktionspreis 9,6 Millionen Dollar. Als die knapp 190 Objekte der Fabergé-Sammlung von Malcolm Forbes für einen Schätzpreis zwischen 80 und 120 Millionen Dollar zur Auktion anstanden, wäre es wohl vom "Krönungs-Ei" (Taxe 18 bis 24 Millionen Dollar) übertroffen worden. Dazu kam es nicht, Viktor Wekselberg kaufte vorher die Sammlung.

Insgesamt verschenkten die Zaren Alexander III. und Nikolaus II. bis 1916 fünfzig Eier. 42 überstanden die Revolutionen des Jahres 1917 - auch dank der Sowjetherrschaft. Denn nur eines, das "St.-Georgsorden-Ei", hatte Zarin-Mutter Maria Fjodorowna, eine dänische Prinzessin, bei sich, als sie in ihre Heimat emigrierte. Es war das letzte Ei, das Fabergé 1916 für den Zaren herstellen ließ. Die anderen Eier wurden auf Weisung Lenins beschlagnahmt. Lenin hatte später die Idee, mit den Hinterlassenschaften Geld zu machen. Und so wurden seit den frühen 20er Jahren Zaren- und Adelsschätze an westliche Kunsthändler verkauft. Manchmal nur nach Gewicht.

Die reiche Erbin Marjorie Merriweather Post und ihr Mann, Joseph Davies, 1937/38 amerikanischer Botschafter in Moskau, sollen Silberobjekte für 5 Cent pro Gramm gekauft haben, weil das den Kosten für das Einschmelzen entsprach. Ihre Fabergé-Eier, das "Zwölf Monogramme-Ei" (1895) und das Ei "Katharina die Große" (1914), die sich heute im Hillwood Museum in Washington befinden, hatte die begeisterteSammlerin 1930 über den Kunsthandel erworben. Über Armand Hammer, den cleveren Geschäftsmann mit sozialistischen Neigungen, der Lenin kannte und für seine Geschäfte nutzte. Auch für den Kunsthandel, den er mit seinem Bruder Viktor in New York betrieb.

Hammer und die Kunsthandlung "A La Vieille Russie" sowie die Wartski Gallery in London waren Hauptabnehmer der teuren Pretiosen aus Moskau. Zu den Fabergé-Eiern, die die Wartski-Gallerie nach Amerika brachte, gehören das "Maiglöckchen-Ei" (1898), das "Kuckucks-Ei" (1900), das "Orangenbaum-Ei" (1911) und das "Krönungs-Ei" (1897), das die Miniatur-Kutsche von Nikolaus II. und Zarin Alexandra Fjodorowna enthält, mit der beide 1894 zu ihrer Krönung fuhren.

Die Stiftung Wekselbergs besitzt neben neun kaiserlichen Eiern weitere sechs, die als "nichtkaiserlich" gelten. Der Zarenbrauch reizte auch reiche Russen. Und so entstanden zusätzlich wertvolle wie uchbescheidenere Ostereier, die teils in der Familie, teils an Mitglieder der Zaren-Dynastie verschenkt wurden. Eine solche Gabe ist wahrscheinlich das "Frühlingsblumen-Ei", das der Zarenmutter gehörte, ihr jedoch nicht von ihrem Sohn geschenkt worden war.

Daneben aber gab es von Fabergé und weniger berühmten Konkurrenten Tausende von Miniatur-Eiern. 1,5 bis 2,5 Zentimeter groß, aus Gold oder Silber mit Email und Halbedelsteinen wurden sie als Anhänger für Ketten und Armbänder angeboten.

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Viktor Wekselberg

Der 48jährige Viktor Wekselberg mag über das Geld, das er für die berühmte Forbes-Sammlung bezahlt hat, nicht reden. Russische Medien vermuten 100 bis 120 Millionen Dollar. In der diesjährigen Liste der 100 reichsten Russen ist der in der Ukraine geborene Ingenieur mit 6,1 Milliarden US-Dollar auf Rang drei. Dabei begann seine unternehmerische Laufbahn vor 15 Jahren bei Null. 1990 gründete der damalige Mitarbeiter eines Konstruktionsbüros eine Reihe von Firmen. 1991 schlug die Geburtsstunde der Gesellschaft Renova, an dem das amerikanische Investmentunternehmen Access Industries mit einem Drittel beteiligt war. Renova existiert heute als Holding, unter deren Dach Wekselberg alle seine Aktiva zusammenfaßte. Seine wichtigsten Standbeine sind mit den Konzernen TNK-BP und Sual die Erdöl- und Aluminiumindustrie. In jüngster Zeit investiert Wekselberg auch im Energiebereich. In der Schweiz kaufte er sich in eine Immobilienholding ein. In Südafrika will der umtriebige Geschäftsmann Mangan sowie in der Ukraine Titan fördern. Wekselberg, der ein Faible für den russischen Dichter Boris Pasternak hat, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Geschichte einer Dynastie

Mit Zar Michail begann die Herrschaft der Romanows 1613 - mit Nikolaus II. endete sie 1917

Von Peter Dittmar

Das Jahr 1913 war ein besonderes. Die Dynastie Romanow herrschte seit 300 Jahren über Rußland. Dem zollte das Ei, das Carl Fabergé als Geschenk des Zaren Nikolaus II. an die Zarin schuf, gebührend Tribut. Es war mit Porträtminiaturen aller 18 Zaren und Zarinnen der Dynastie in Rahmen aus Diamanten geschmückt. Denn auch vier Frauen hatten über das russische Reich geherrscht. Zuerst Katharina I., eine litauische Magd, die Peter der Große in zweiter Ehe geheiratet hatte und die nach dessen Tod 1725 noch zwei Jahre die Zarenkrone trug. Dann Anna, die allerdings nur vom Januar bis Oktober 1740 mit Hilfe ihres Favoriten Biron regierte - "Birowschtschina" ist seitdem in Rußland ein Synonym für Günstlingswirtschaft. Von 1741 bis 1762 hatte Elisabeth, eine Tochter Peters des Großen, das Zepter in der Hand. Und 1762 bis 1796 saß Rußlands berühmteste Zarin, die 1729 als Prinzessin von Anhalt-Zerbst geborene Katharina II., auch "die Große" genannt, auf dem Moskauer Thron. Die Geschichte dieser Dynastie beginnt mit Michail Romanow, dem Letzten einer alten Bojarenfamilie, die Iwan IV. - in Rußland als "der Strenge", bei uns als "der Schreckliche" bekannt - als potentielle Konkurrenten um die Herrschaft fast völlig ausgerottet hatte. Iwan IV, der seit 1533 dreijährig als Großfürst nomineller, seit 1547 als Zar wirklicher "Herrscher aller Reußen" war, hoffte, so die Macht der Rurikiden, einer Dynastie, die auf den Nowgoroder Fürsten Rurik im 9. Jahrhundert zurückging, bewahren zu können. Aber seinem Sohn folgte Boris Godunow - durch Modest Mussorgskis Oper hierzulande als tragisch Scheiternder vertraut. Dessen Sohn verlor den Thron bereits nach drei Monaten. So hatte nach dem "falschen Demetrius" und der zarenlosen "Zeit der Wirren" die Stunde der Romanow geschlagen. Glanz gewann diese Dynastie vor allem durch ihren fünften Zaren, durch Peter den Großen - von dem die meisten dank Albert Lortzings Oper "Zar und Zimmermann" wissen, daß er (angeblich inkognito) auf einer holländischen Werft die Schiffsbauerei erlernte. 1682 war der zehnjährige Peter zusammen mit seinem geistig beschränkten 15jährigen Halbbruder Iwan zum Zaren ausgerufen worden. Die Macht okkupierte jedoch erst einmal beider Halbschwester Sophia. Das Gerücht über einen geplanten Anschlag auf sein Leben veranlaßte Peter I. 1689 die Regentin Sophia zu verdrängen und in ein Kloster zu verbannen. Und nach dem Tode seines Halbbruders und Mit-Zaren Iwan V. konnte er als Alleinherrscher Rußland umkrempeln. Die Verlegung der Hauptstadt von Moskau in sein St. Petersburg, das "Fenster zum Westen", diente dabei als unübersehbares Zeichen.

Von den zwölf Romanow-Zaren, die auf dem "Drei Jahrhunderte-Ei" verewigt wurden, endeten fünf gewaltsam. Iwan VI. wurde 1741 von Zarin Elisabeth verdrängt und gefangengesetzt. 1764 starb er, wie die Chroniken vermelden, eines "unnatürlichen Todes". Da 1730 mit Peter II., dem Enkel Peters des Großen, bereits die männliche Linie der Romanows ausgestorben war und mit Peters Tochter, der Zarin Elisabeth, 1762 auch die weibliche Linie abbrach, hatte Elisabeth vorausschauend den Sohn der Zarin Anna und des Herzogs Karl Friedrich von Schleswig-Holstein-Gottorp als Thronfolger ausersehen. Als Peter III. mit dem Familiennamen Romanow-Schleswig-Gottorp sorgte er für eine Verlängerung der Dynastie. Doch bereits nach einem halben Jahr wurde er im Juli 1762 durch eine Palastrevolution um Thron und Leben gebracht. Dahinter vermutete man seine Frau, die dann als Katharina II. für ein Vierteljahrhundert die Herrschaft übernahm. Ihr folgten Paul I. (1801 Opfer einer Adelsverschwörung) und sein Urenkel, Alexander II. 1855 gekrönt, ehrten ihn die russischen Bauern als "Zar Befreier", denn er beendete die Leibeigenschaft. Nachdem er seit 1866 vier Anschläge überlebt hatte, tötete ihn 1881 eine Bombe.

Sein Sohn Alexander III., der die österlichen Fabergé-Eier als Geschenk an seine Frau einführte, entging 1887 nur knapp einem Attentat. Nikolaus II., der ihm 1894 folgte - und der 1913 noch mit großem Prunk drei Jahrhunderte Romanow feiern konnte - mußte 1917 nach der Februar-Revolution abdanken. Und nach der Machtergreifung durch die Bolschewisten im Oktober wurde er mit Frau und Kindern verhaftet, nach Jekaterinenburg gebracht und dort auf Befehl Lenins erschossen. Das war das Ende der Romanow-Dynastie.

Ihr folgte allerdings noch ein Satyrspiel. In den 80er Jahren herrschte im damaligen Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt, nochmals ein Romanow: Der mächtige Parteisekretär Grigorij Romanow, der sich Hoffnungen auf die Nachfolge Breschnews machte. Weil er zur Hochzeit seiner Tochter das Prunkservice der Zarin Katharina II. aus der Eremitage hatte decken lassen und dabei einiges zu Bruch ging, benutzten das 1985 Anhänger Michail Gorbatschows, um den unliebsamen Konkurrenten und "allerletzten Romanow" zu stürzen. Aussterben werden die Romanows kaum. Der Familienname ist in Rußland nicht so selten.

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Exquisites Handwerk zwischen Kitsch und Kunst

Der Name Fabergé hat einen besonderen Zauber, weil die Objekte, die ihn tragen, so wunderbar zwischen Kunst und Kitsch pendeln. Das gilt besonders für die kaiserlichen Eier. Aber diese berühmten Stücke umfaßten nicht einmal ein halbes Prozent der Produktion, die u. a. Services, Ketten und Zweige mit goldenen Stengeln und Juwelen-Blüten in Vasen und Körben aus Bergkristall prägten. Besonders geschätzt waren Arbeiten aus changierendem Guilloche-Email, aus Edelsteinen geschnittene Statuetten russischer Bauern oder Tiere.

Gustave Fabergé (1814-1893) gründete 1842 die Firma in St. Petersburg. Er entstammte einer Hugenottenfamilie, die über Deutschland und das Baltikum nach Rußland emigriert war. Sohn Carl, 1846 geboren, übernahm um 1870 das Geschäft. Nachdem er für seine Juwelierkunstwerke 1882 auf der Allrussischen Ausstellung die Goldmedaille und 1885 den Titel eines Hoflieferanten des Zaren erhalten hatte, gelang es ihm, "Fabergé" zur Marke zu entwickeln, die die russische und europäische Aristokratie faszinierte. Kein Stück gab es zweimal. Die Nachfrage war groß, so entstanden Dependancen in Moskau (1887), Odessa (1890-1918), London (1903-1915) und Kiew (1905-1910). Als die Firma 1900 in St. Petersburg ein eigenes Haus (Bolschaja-Morskaja-Uliza 24) bezog, beschäftigte sie 500 Mitarbeiter. Trotz der herausragenden Stellung geriet man mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Schwierigkeiten. 1916 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Ihr Ende kam mit dem Oktoberputsch 1917. Carl Fabergé emigrierte nach Wiesbaden.1920 zog er nach Lausanne, wo er am 24. September 1920 starb.

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"Ein Gefühl der Verehrung"

Erstmals werden in Berlin die berühmten Fabergé-Eier der Wekselberg-Kollektion gezeigt. Schloß Charlottenburg präsentiert die Kostbarkeiten der russischen Zaren.

Viktor Wekselberg kaufte die "Forbes-Sammlung" und holte sie zurück nach Rußland. Aus bürgerschaftlicher Verantwortung, wie er es im Interview nennt. Das Exklusiv-Gespräch führte Manfred Quiring.

Frage: Viele Interessenten hatten sich um die erste Ausstellung Ihrer Sammlung von Fabergé-Eiern im Ausland beworben. Sie haben sich für Berlin entschieden. Warum?

Viktor Wekselberg: Klar war von Anfang an, als wir die Sammlung erwarben, daß sie ständig auf Tour sein sollte, damit möglichst viele Menschen die Kunstwerke sehen können - sowohl in Rußland als auch im Ausland. Wir bekamen zahlreiche Anfragen, unter anderem aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland. In Deutschland war man wesentlich flexibler, was die kurzfristige Auswahl des Ausstellungsortes und die gesamte Organisation anging. Deshalb wurde Berlin der erste ausländische Ausstellungsort. Eine wichtige Rolle spielten natürlich auch die engen und freundschaftlichen Kontakte zwischen Rußland und Deutschland, nicht nur in der Industrie, sondern auch auf kulturellem Gebiet. Im 60. Jahr nach Kriegsende ist das sicherlich auch ein starkes Zeichen von Völkerverständigung und Kulturdialog.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Sammlung der amerikanischen Familie Forbes zu erwerben?

Wekselberg: Das habe ich natürlich nicht geplant. Wahrscheinlich konnte sich keiner der Sammler, die sich mit dem Erbe russischer Meister beschäftigen, vorstellen, daß diese Sammlung einmal komplett zum Verkauf stehen würde. Als ich davon hörte, war ich höchst verwundert, auch skeptisch, ob es gelingen würde, sie zu erwerben. Unsere Anwälte verhandelten mit Sotheby's, mit Vertretern der Familie und riefen plötzlich an und fragten: Was sollen wir tun, sie sind einverstanden. Das kam für alle überraschend.

Ursprünglich sollten die Eier bei Sotheby's versteigert werden. . . 

Wekselberg: Es war ein Zusammentreffen verschiedener erfreulicher Umstände. Sotheby's kam uns entgegen, indem sie einem Verkauf vor der Auktion zustimmten. Auch die Familie kam uns entgegen, indem sie diesen Entschluß faßte. So einen glücklichen Umstand gibt es vielleicht einmal in 100 Jahren.

Haben Sie eine besondere Beziehung zum russischen Kulturerbe?

Wekselberg: Zweifellos. Ich sammle schon seit geraumer Zeit Kunstwerke russischer Künstler, vor allem in der Malerei.

Was hat sie in erster Linie an der Fabergé-Sammlung gereizt?

Wekselberg: Ein für mich wichtiger Aspekt besteht darin, daß diese von Fabergé geschaffenen Kunstwerke so eng mit dem tragischen Schicksal der Zarenfamilie verbunden sind. Sie sind dadurch zugleich untrennbarer Teil der Geschichte meines Landes. In Rußland, das so eine große Kultur besitzt, wachsen in jüngster Zeit der Wunsch und das Vermögen heran, historische Schätze zu bewahren. Das muß unterstützt werden. Ich bin dankbar, ein Teil dieses Prozesses zu sein und meinen Beitrag zur Bewahrung unseres kulturellen Erbes leisten zu können.

Was empfanden Sie, als Sie die Stücke erstmals in der Hand hielten?

Wekselberg: Ein Gefühl der Erregung, der Verehrung. Man zittert auch etwas, wenn einen die Geschichte streift. Es sind so außergewöhnliche Kunstwerke! Es ist unwahrscheinlich, daß die menschliche Hand je ieder etwas Vergleichbares schaffen wird. Mein Sohn, sonst eher forsch, traute sich nicht, sie in die Hand zu nehmen.

Vor kurzem gab es Stimmen, die ein Ei als Fälschung bezeichneten.

Wekselberg: Ein sogenannter Experte wollte uns lediglich Verhandlungen kommerziellen Charakters aufdrängen; ansonsten würde er die Sammlung diskreditieren. Doch die wurde von zahlreichen Kunstkennern und Fachleuten begutachtet. Vor der ersten Ausstellung im Kreml wurde dort eine Expertise erstellt, wie sie tiefschürfender nicht hätte sein können. Schließlich werden auch im Kreml Fabergé-Eier aufbewahrt. Ich glaube, die Öffentlichkeit beurteilt uns richtig, wenn sie nicht an der Echtheit aller ausgestellten Kunstwerke zweifelt.

Das Echo auf die Kreml-Ausstellung war geteilt: Neben großer Zustimmung gab es abwertende Stimmen. at sich die Meinung in Rußland inzwischen geändert?

Wekselberg: Diese Reaktionen haben in gewissem Sinne die Situation der Gesellschaft ausgedrückt. Wenn - bei allen Fortschritten - viele Menschen unter der Armutsgrenze leben, wenn es an Krankenhäusern, Straßen und vielen anderen Dingen fehlt, verstehen viele einfach nicht, wie man so viel Geld für Erzeugnisse der Juwelierkunst ausgeben kann. Aber die bisherigen Ausstellungen in Moskau, St. Petersburg und Jekaterinburg haben bewiesen, daß wir richtig gehandelt haben: Eine halbe Million Menschen kam, um die Kunstschätze zu sehen.

Es gab Vorwürfe, Sie wollten mit dem Kauf dem Kreml gefallen.

Wekselberg: Es ist für jeden offensichtlich, daß ich diese Sammlung in erster Linie mir selbst gekauft habe: Ich habe sie von meinem Geld erworben, sie gehört mir und der von mir gegründeten Stiftung. Es ist chwierig, das als Geschenk an den Kreml zu interpretieren. Viel eher ist es so, daß die Rückführung solch außerordentlicher Kulturgüter ein Glücksfall für mein Land insgesamt ist.

Welche Aufgaben verfolgt Ihre Stiftung neben der Bewahrung der Fabergé-Sammlung?

Wekselberg: Meine kulturhistorische Stiftung "The Link of Times Cultural and Historical Foundation" hat sich die Aufgabe gestellt, historische und kulturelle Schätze zu suchen und sie Rußland zurückzugeben. Dies war unser erster und sicher auch größter Schritt. Jetzt verfolgen wir ein neues, großes Projekt. Wir wollen die Glocken des Danilow-Klosters (Sitz des Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche - d.R.) wieder nach Rußland holen. Sie gerieten auf verschlungenen Wegen nach Amerika und hängen seit 70 Jahren in der Harvard-Universität. Ich hoffe, daß sie innerhalb eines Jahres wieder im Danilow-Kloster zum Gottesdienst läuten werden.Das Rußland der Zaren war berühmt für Kunst-Mäzene wie Morosow oder Tretjakow. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Wekselberg: Das Wort Mäzen ist im heutigen Rußland eher ein Schimpfwort. Denn nur ein sehr reicher Mensch kann zum Mäzen werden. Auch existiert noch nicht die Kultur, daß ein vermögender Mensch etwas von dem, was er erworben hat, an die Gesellschaft zurückgibt. Aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung. In dem Maße, wie sich eine gesunde Marktwirtschaft entwickelt, werden auch diese Traditionen wiedererstehen. Heute redet man weniger von Mäzenatentum denn von bürgerschaftlicher Verantwortung, von corporate responsibility. Ich unterstütze das, finanziere beispielsweise Auftritte des Marinskij-Theaters in Provinzstädten. Darin sehe ich einen Teil meiner Aufgabe als Bürger. Ich mache das auch, weil es mir Freude bereitet.

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Russland nun wieder auf Platz eins!

lot

Pagina bijgewerkt: Juni 27, 2007